50 Jahre Hörspiele von EUROPA

Hui Buh, Die drei ??? und die Fünf Freunde: Alle Hörspiel-Kultserien erschienen im gleichen Verlag: Europa. (Foto: Europa)

Hui Buh, Die drei ??? und die Fünf Freunde: Alle Hörspiel-Kultserien erschienen im gleichen Verlag: EUROPA. (Collage, Fotos: Europa)

Wissen Sie nicht, was eine Kompaktkassette ist? Wie man einen Schallplattenspieler bedient? Denken Sie beim Stichwort „50 Jahre Europa“ an einen Kontinent und nicht an Hörspiele?

Dann wird Sie dieser Artikel möglicherweise nicht interessieren. Alle anderen werden in nostalgischen Erinnerungen schwelgen. 

Alles begann am 1. Oktober 1965. Da erschien die erste LP beim Hörspiel-Verlag EUROPA – eine Adaption der klassischen Geschichte „Der Struwwelpeter“ aus dem gleichnamigen Bilderbuch. Der Rest ist Geschichte.

Oder besser gesagt: Geschichten. Denn spannend inszenierte Geschichten fürs Kopfkino wurden zum Markenzeichen von EUROPA. Die Liebe der Kinder, die mit diesen Hörspielen aufwuchsen, überdauerte die Jahrzehnte.

Kultfiguren wie die jungen Hobby-Detektive „Die drei ???“, „TKKG“ oder „Die fünf Freunde“, Science Fiction-Helden wie „Perry Rhodan“ sowie skurrile Charaktere wie „Hui Buh“ oder „Karius und Baktus“ werden auch heute noch gern gehört – von jungen, abenteuerlustigen Entdeckern ebenso wie von junggebliebenen Nostalgikern.

Karl-Heinz Rummenigge zeigt sich 1990 als Hörspiel-Fan und hält stolz "Endlich Ferien" in die Kamera. (Foto: Europa)

Karl-Heinz Rummenigge zeigt sich 1990 als Hörspiel-Fan und hält stolz „Endlich Ferien“ in die Kamera. (Foto: Europa)

Jeder Zweite hat Drei

Statistisch gesehen hat mehr als jeder zweite Deutsche ein „Die drei ???“-Hörspiel daheim. 46 Millionen Mal hat sich die erfolgreichste Hörspielserie im deutschsprachigen Raum bislang verkauft. Und falls nicht „Die drei ???“ zu den persönlichen Hörspiel-Vorlieben gehören, dann bestimmt etwas anderes von EUROPA.

Fünf Jahrzehnte EUROPA sind auch fünf Jahrzehnte leidenschaftlicher Kindheitserinnerungen. Die wahren Abenteuer sind eben, ganz wie André Heller sang, im Kopf. Der Nervenkitzel der Handlung wurde nur von einer anderen Sache gesteigert – dem Reiz des Verbotenen, denn unter der Bettdecke wurde noch lange gelauscht, nachdem es offiziell schon Schlafenszeit war.

Moderne Eltern freuen sich natürlich, wenn der Nachwuchs die Liebe zum akustischen Abenteuer geerbt hat. Zumal man dadurch einen guten Vorwand hat, selbst noch Kinderhörspiele zu genießen.

Live und im Stream statt Bandsalat

Heute hört man EUROPA-Hörspiele auch in MP3-Form oder per Streaming. Aus den drei Fragezeichen wurden drei Ausrufezeichen, aus den fünf Freunden wurden die „Teufelskicker“.

Man hört heute auch weniger unter der Bettdecke und besucht stattdessen gern Live-Inszenierungen von „Die drei ???“. Doch im Kern ist EUROPA das geblieben, was es schon vor 50 Jahren war: Hörspiel-Kult.

Auch wenn nüchterne Zahlen keine individuelle Euphorie spiegeln können: Der Erfolg ist messbar. Mit 42,9 Prozent Umsatzanteil laut GfK ist EUROPA noch immer Marktführer im Segment Kinder- und Jugend-Hörspiel.

Erweitert wird das Portfolio heute mit Kindermusik (unter anderem von Nena) und Serien wie „Bob der Baumeister“ oder „Meine Freundin Conni“.

Kerngeschäft ist aber nach wie vor das Kinder- und Jugend-Hörspiel, das EUROPA in seiner heute weit verbreiteten, aufwändig inszenierten Form maßgeblich mitgeprägt hat.

Hier wurden Geräusche noch handgemacht: Heikedine Körting im Studio (Foto: Europa)

Hier wurden Geräusche noch handgemacht: Produzentin Heikedine Körting im Studio (Foto: Europa)

„Augen zu, Ohren auf, Film ab“ lautet das inzwischen legendär gewordene Motto von Heikedine Körting. Die ungekrönte Hörspiel-Königin hat bislang mehr als 2.000 Hörspiele produziert.

„Man wird in eine andere Welt versetzt durch Geräusche und Musik“, beschreibt die Hörspiel-Ikone ihr „Kino im Kopf“, das sie bis heute für Erfolgsserien wie „Die drei ???“, „TKKG“, „Fünf Freunde“ oder „Hanni und Nanni“ inszeniert.

„Es soll lebendig und damit so natürlich wie möglich klingen“, sagt Heikedine Körting über die Pionierleistung des Verlags.Bis heute sollen EUROPA-Hörspiele „frisch, fröhlich, direkt und dazu authentisch“ wirken, so Thomas Karallus, der die EUROPA-Erfolgsserie „Teufelskicker“ und die Mädchendetektiv-Abenteuer „Die drei !!!“ inszeniert.

Die EUROPA-Geschichte

Die Gründerväter der Hörspiel-Ära (Foto: Europa)

Die Gründerväter der Hörspiel-Ära (Foto: Europa)

1965 träumte der Musikwissenschaftler Andreas E. Beurmann von Hörspielen mit einem unterhaltsamen und zugleich didaktisch wertvollen Charakter: Einblendungen klassischer Musik sollten Kinder ans Hören und Musizieren heranführen.

„Es gab zu dieser Zeit eine große Marktlücke“, erinnert sich der heute 87-jährige. „Die Deutsche Grammophon hatte einige Produktionen veröffentlicht, aber das waren noch keine Hörspiele, darauf wurde eher vorgelesen. Ich hatte mir das anders vorgestellt. So wie meine Frau Heikedine Körting später sagte: wie ein Film ohne Bild.“

Zunächst erschienen bei EUROPA mit „Der Struwwelpeter“ oder „Grimms Märchen“ Lesungen mit Musikuntermalung. Eine Sensation war der Verkaufspreis: 5 Mark pro Schallplatte. Der Taschengeldgerechte Preis sorgt dafür, dass die Hörspiele zum Massenphänomen avancieren.

Pumuckl als Gespenst

1967 startet die erste Erfolgsserie: die „Winnetou“-Hörspiele sind heute ebenso Kult wie „Hui Buh“ (ab 1970). Das Schlossgespenst wurde von Deutschlands Krächzestimme Hans Clarin gesprochen, der auch als „Pumuckl“ bekannt ist.

Heikedine Körting schlug ab 1972 mit „Hanni und Nanni“ ein neues Kapitel in der Geschichte der Hörspielproduktion auf. Ende der Siebziger ging es dann Schlag auf Schlag: Mit „Fünf Freunde“ (1978), „Die drei ???“ (1979) und „TKKG“ (1981) starteten drei der erfolgreichsten deutschen Kinder- und Jugendhörspiel-Serien aller Zeiten.

In den 80ern war die Kassette für die jungen Hörer das Hauptmedium. Haben wir heute die Generation Smartphone, so war es damals die Generation Kassette. Für die  Kassettenkinder war EUROPA Synonym für Hörspiel.

Man sieht es ihnen nicht an, doch man kennt diese Herren: Es sind die Sprecher der "drei Fragezeichen" - zu beobachten bei einer Live-Tour. (Foto: Europa)

Man sieht es ihnen nicht an, doch man kennt diese Herren: Es sind die Sprecher der „drei Fragezeichen“ – zu beobachten bei einer Live-Tour. (Foto: Europa)

Der Siegeszug der Spielekonsolen stahl der Faszination Hörspiel überraschend die Show. „Eine echte Krise war in den 90ern, als die Hörspiele praktisch aufhörten“, erinnert sich EUROPA-Gründer Andreas E. Beurmann. „Wir haben voller Entsetzen gesehen, dass das den Berg runterging. Ich hatte gedacht, wir müssen in den Rechnermarkt einsteigen. Aber dazu waren die Anderen in Kalifornien schon zu groß geworden. Da war nichts zu machen. Dann ging es ja Gott sei Dank wieder aufwärts.“

Bald wurde der Charme der Hörspiele wiederentdeckt. Weniger durch die Jugend von Heute, sondern dank der in die Jahre gekommenen Generation der Kassettenkinder: Ab 2000 nahm der Fan-Hype um „Die drei ???“ Dimensionen an, die sich der Hörspiel-Veteran Andreas E. Beurmann nicht erträumt hätte: Hunderttausende strömten zu den Live-Hörspiel-Tourneen 2002/03, 2009 und 2014/15, bei denen man die Original-Sprecher in Aktion erleben konnte.

Ein wahrhaft rekordverdächtiger Event: Seit 2010 stehen „Die drei ???“ im Guinness Buch für den Weltrekord als größtes Live-Hörspiel aller Zeiten. In die Geschichte – und ins Buch – ging der Auftritt am 21. August 2010 ein. Vor 15.211 Fans wurden Jugendträume auf der Berliner Waldbühne wahr.

Bereits Jahrzehnte zuvor hatte sich Heikedine Körting ihren eigenen Guinness-Rekord gesichert: 1985 wurde sie zur erfolgreichsten Hörspiel-Produzentin der Welt gekürt. Sie kann auf mehr als 2.000 Hörspiele und 180 Gold- und Platinplatten zurückblicken.

Abtauchen in Fantasiewelten

Nicht nur loyale Fans der ersten Stunde, sondern auch die jungen Hörer bekamen kontinuierlich etwas auf die Ohren. Serien wie „Teufelskicker“ (ab 2005), „Die drei ??? Kids“ und „Die drei !!!“ (beide ab 2009) sowie „Kati & Azuro“ (seit 2011) zeigten, dass EUROPA mit der Zeit ging.

Auch mit dem heute populären „Ritter Rost“ bleibt man den Hörern tief verbunden.

EUROPA zeigt sein Portfolio im Web auf natuerlichvoneuropa.de oder im Shop hoerspiel.de.

Übrigens: Auf iTunes sind „Die drei ???“ inzwischen deutschlandweit der erfolgreichste „Interpret“, noch vor internationalen Popstars von Weltrang.