Interview: Fotograf Nicholas Roemmelt

Jeder ambitionierte Fotograf will hoch hinaus. Wie man es richtig macht, verrät uns ein erfolgreicher Profi.
(c) Dr. Nicholas Roemmelt / venture.photography

Der Bergdoktor: Dr. Nicholas Roemmelt ist Zahnarzt in Tirol, doch hat er seine zweite Leidenschaft in den letzten zwölf Jahren vom passionierten Hobby zum äußerst erfolgreichen Nebenberuf gemacht.

Die Alpen hat er sprichwörtlich vor der Haustür. Doch die Kamera ist auch auf seinen Reisen zu den schönsten Landschaften der Erde ein ständiger Begleiter.

Zu seinen Vorlieben gehört der Zauber sternenklarer Nächte. Diese Vorliebe hat dem Sternenjäger zahlreiche Preise (u.a. bei den Sony World Photography Awards) und Veröffentlichungen (u.a. National Geographic) eingebracht.

Was ist in Ihren Augen ein perfektes Foto?

Ein perfektes Foto ist ein Bild, welches den Betrachter einen Augenblick verweilen lässt. Wenn ein Betrachter das Bild mit seinen Augen erkundet und die Geschichte, die der Fotograf damit erzählen wollte, erkennen kann.

Ihre Tipps für ambitionierte Hobbyfotografen?

Heute verschwimmen die Grenzen zwischen Profis und ambitionierten Hobbyfotografen immer weiter. Doch gibt es auch für den Profi immer etwas Neues zu lernen. Man kann in der Fotografie alles technisch mögliche erlernen. Dafür gibt es Tutorials, Workshops und  Fachliteratur. Viele Fotografen machen aber den Fehler zu glauben, dass eine bessere Kamera und ein besseres Objektiv die eigene Fotografie auf das nächste Level hebt. Das ist aber nur bedingt der Fall. Die heutigen Kameras sind fast durch die Bank hervorragende Arbeitsgeräte mit einer vor wenigen Jahren noch undenkbaren Qualität.
 
Mein Tipp ist es, herausragende Bilder zu analysieren und sich zu fragen was macht diese Bild so gut? Was will der Fotograf erzählen? Hat er es geschafft eine Geschichte, eine Stimmung, ein Gefühl in einem selbst zu erwecken, wie wird das eigene Auge durch das Bild geführt? Orientieren wir uns an Führungslinien die der Fotograf geschickt komponiert hat oder führen uns Farben und Farbkontraste?

Mein wichtigster Tipp für einen ambitionierten Fotografen, gleich welcher Könnerstufe, ist das Lernen des Sehens. Das hört sich banal an, aber nur ein Fotograf, der ein Auge hat für Formen, Strukturen, Farbe, Kontraste, Linienführung und der die Grundprinzipien der Farblehre verstanden hat, wird in der Lage sein ein hervorragendes Bild zu komponieren. Das hat sich seit der Malerei nicht geändert.

Vollformat-Kameras werden gern als das Nonplusultra der Technik gefeiert. Welche Vorteile bieten sie?

Das Kleinbildäquivalente Vollformat war lange Zeit dem Profibereich und ambitionierten Hobbyfotografen vorbehalten, da sowohl die Kamera als auch die passenden Objektive bisher sehr hochpreisig waren. Das Vollformat bietet auf Grund der deutlich größeren Fläche deutlich mehr Platz für die Pixel auf dem Sensor. Bei angenommener gleicher Megapixelzahl führt dies aufgrund des durch den Sensor fließenden Stroms zu deutlich weniger Bildrauschen. Mehr Platz für die Pixel bedeutet außerdem auch mehr Platz für Bildinfos, was wiederum zu besserer Bildqualität beitragen kann.

Zudem ist bei Vollformatkameras die Schärfentiefe geringer, wodurch sich steilere Unschärfeübergänge erzielen lassen, die gerade im Portraitbereich nicht wegzudenken sind.

Die größere Sensorfläche führt auch zu einer deutlich größeren Lichtausbeute, so dass das Vollformat aus der Available Light- bzw. der Astro-Landschafts-Fotografie nicht wegzudenken ist.

Welche Argumente gibt es, trotz des Angebots an Vollformatkameras auch Kameras mit dem kleineren APS-C Sensor zu nutzen?

Spiegelreflexsysteme mit einem APS-C-Sensorformat spielen ihre Vorteile in der Makro- oder Sport-Fotografie aus. Das Objekt wird durch den kleineren Sensor größer abgebildet. Hobbyfotografen schätzen das Format sehr, da sowohl Kameras als auch die passenden  Objektive deutlich günstiger sind.

Hat die klassische Spiegelreflexkamera trotz des Siegeszuges der spiegellosen Kameras weiterhin eine Daseinsberechtigung?

Ich denke, dass sich die Spiegelreflexkameras noch viele Jahre neben ihren spiegellosen Schwestern halten werden und wir auch zukünftig noch einige interessante neue DSLRs verschiedenster Hersteller sehen werden. Viele Fotografen schätzen und lieben den „realen Blick“ auf die Wirklichkeit durch einen optischen Sucher. Auch frisst der optische Sucher über einen Spiegel keinen Strom. Bei den Spiegellosen dagegen wird Strom verbraucht, weil man entweder das Vorschaubild über das Display auf der Rückseite oder den kleinen elektronischen Bildschirm im Sucher betrachten muss. Folglich hat die DSLR (digitale Spiegelreflexkamera) die Nase vorne bei der Anzahl der möglichen Auslösungen pro Akkuladung.

Viele Profis mit einem ganzen Fuhrpark an Objektiven scheuen auch die Verwendung von Adaptern, um die DSLR Objektive mit den spiegellosen Systemen zu verbinden. Und nicht jeder möchte alle Objektive für das spiegellose System neu kaufen.

Als Profi ist man auf ein System angewiesen welches bedingungslos funktioniert und zum heutigen Stand der Dinge gibt es noch so gut wie kein spiegelloses System, dessen Body eine Wetterbeständigkeit aufweist wie die Profimodelle unter den DSLRs. Ich würde beispielsweise meine noch relativ neue Canon EOS R niemals einem handfestem Regenguss aussetzen wollen. Von einer Wetterfestigkeit mit der eine EOS 5D oder gar 1DX aufwarten kann, ist Canon mit seinem jungen spiegellosen EOS R System noch ein Stück entfernt. Auch bietet die Schnittstelle Adapter eine weitere „Wetter -Schwachstelle“ im System. Mit meiner 1DX Mark II habe ich einige heftige Regenschauer, -30°C bei Schneesturm im arktischen Winter und sengende Hitze im Sandsturm in den Halbwüsten der USA ohne Schaden überstanden. Auf diese Kamera kann ich mich verlassen wenn es ungemütlich wird in der Landschaftsfotografie.

Andererseits ist die Entwicklung und der Siegeszug der spiegellosen Systeme nicht aufzuhalten. Der größte Vorteil ist meines Erachtens das Fehlen des Spiegels, das die Kamera kleiner und viel leichter macht. Als Landschafts- und Adventure-Fotograf bin ich häufig in den Bergen der Welt unterwegs und hier zählt jedes Gramm neben der sowieso schon schweren Alpin-Ausrüstung.
 
Den „Nachteil“, den einige im digitalen Sucher Bild sehen, betrachte ich als Vorteil. Denn die Auflösung der kleinen Displays in den digitalen Suchern hat sich in den letzten Jahren drastisch verbessert, so dass ich mit dem Fehlen des typischen Spiegelbildes einer DSLR gut leben kann. Aber der größte Vorteil eines digitalen Bildes im Sucher ist, dass man direkt sehen kann was die Kamera gleich auf den Sensor bannen wird, wenn man den Auslöser drückt. Über- und unterbelichtete Stellen können direkt gesehen werden und man kann als Fotograf adäquat darauf reagieren. 
 
Auch die Schnelligkeit ist heute für die Spiegellosen kein Problem mehr und durch das Fehlen des Spiegels können theoretisch auch deutlich höhere Serienauslöse-Raten erreicht werden.  Ich denke, dass die fortschreitende Technik auch deutlich günstigere spiegellose Vollformatkameras ermöglicht. So wird der Vollformatsensor auch für die vielen Hobbyfotografen erschwinglich.

Eigentlich könnte er auch von seiner Fotografie leben, doch Dr. Nicholas Roemmelt arbeitet in seinem Hauptberuf als Zahnarzt ebenso leidenschaftlich wie als Meister des Lichts.

Sind Sie nur einer Marke treu?

Ich fotografiere seit mehr als 15 Jahren mit Canon und schätze die unverwüstliche Robustheit dieses System und den superschnellen Service des CPS Programms für Profis sehr.

Ich bin kein Fotograf, der sein System wechselt wie andere die Unterwäsche, weil Hersteller A oder Hersteller B gerade eine Kamera auf den Markt gebracht hat, die die Nase eine Spur weiter vorne hat.

Weniger als die technisch neueste Raffinesse brauche ich Arbeitsgeräte, auf die ich mich verlassen kann, auch wenn es draußen ungemütlich wird.

Eben ein wetterfestes System mit leistungsstarken Akkus. Manchmal hat man nur eine kurze Chance, ein gutes Bild zu machen, dann nämlich wenn das Licht perfekt ist oder die Milchstraße dort steht wo man sie haben will. Dann muss man sich auf sein System verlassen können.

Was ist ihre Lieblingskamera? Welche anderen Modelle sind bei Ihnen im Einsatz?

Ich arbeite sehr gerne mit meiner Canon 1DX Mark II, einer umgebauten 6Da für den Astrobereich und seit neuestem mit einer spiegellosen EOS R, die tatsächlich das Potential hat, mein aktueller Favorit zu werden. Die handliche Größe und das geringe Gewicht, der hervorragende Autofokus auch bei wenig Licht, das perfekte Klappdisplay welches anders als bei einigen Systemen auch bei Hochkantaufnahmen gute Dienste bietet und die sehr gute Bildqualität eines Vollformatsensors bei geringem Rauschen lassen mich immer öfter zu dieser Kamera greifen. Die neuen RF Objektive sind durch die Bank ein Genuss und ich freue mich auf zukünftige Optiken aus diesem System. Aber auch die vorhandenen EF-Objektive funktionieren mit dem Adapter hervorragend an der R, ohne jegliche Funktionseinbußen. 

Kommt es zu Actionszenen, Wildlife oder miserablen Wetterkonditionen gehe ich aber aktuell auf Nummer sicher und arbeite mit meiner 1DX Mark II.

Zusätzlich habe ich seit ein paar Jahren eine Nikon D810 mit einem Nikkor 14-24mm f2.8 in Gebrauch für Zeitrafferaufnahmen. Die Kamera bietet im Vergleich zu Canon ein paar wichtige Vorteile in der Zeitrafferfotografie.

Unterschätzen Laien gern, dass es bei der Fotografie nicht nur auf den Body ankommt, sondern auch auf die Objektive?

Ohne Zweifel bedarf es auch der richtigen Objektive, um zusammen mit der Kamera ein gutes Ergebnis erzielen zu können. Ich erachte ein gutes Objektiv als wichtiger als stets die neuste und beste Kamera. Während man in vielleicht zehn Jahren bereits diverse neue Modelle an Kameras ausgetauscht haben wird, kann man mit einem richtig guten Objektiv auch noch in weiteren zehn Jahren tolle Bilder machen. 

Mit modernen Speicherkarten kann man quasi endlos viele Bilder schießen bei einem Shooting. Haben die analogen Kamerafilme die Fotografen zu bewussterer Arbeit an dem einen, perfekten Schuss diszipliniert?

Ich denke, dass man zu analogen Zeiten durchaus darauf geachtet hat, was man wie aufgenommen hat, denn ein „Fehlschuss“ hatte sich damals sofort finanziell bemerkbar gemacht. Heute gibt es dahingehend keine Grenze, denn das digitale Bild kostet ja quasi nichts. Ich sehe das aber an der eigenen Lernkurve: Hatte ich zu Beginn meiner Kariere die Speicherkarten mit haufenweisem digitalem Müll gefüllt, so wurde das immer weniger.

Denn man lernt über die Jahre, wann es sich lohnt ein Bild aufzunehmen und wann nicht. Man muss sich ja dann zu Hause am „digitalen Leuchtkasten“ auch durch diese Tonnen von Bildern kämpfen, um vielleicht das ein oder andere gute Bild zu finden. Andererseits kann man aus vielen Fehlern, die man alle macht, auch sehr schnell viel lernen!

Kann man heute noch Bilder mehr oder weniger unbearbeitet, quasi „out of cam“, präsentieren oder ist die digitale Nachbearbeitung ein wesentlicher Bestandteil der modernen Arbeit von Fotografen?

Ich denke, dass beides seine Berechtigung hat. Es gibt da die Puristen, die teilweise nur in JPG fotografieren und das Bild so verwenden wie es eben aus der Kamera kommt. Ich kenne viele richtig gute Fotografen, die berechtigterweise damit auch sehr erfolgreich sind. Die digitale Nachbearbeitung bietet andererseits unendliche Möglichkeiten. Ich persönlich sehe die digitale Nachbearbeitung als den künstlerischen Part, neben der Bildgestaltung selbst.

Ich möchte nicht nur Bediener eines technischen Gerätes sein und das verwenden was die Kamera gesehen hat – was oft auch nicht dem entspricht, was man selbst vor Ort gesehen beziehungsweise gefühlt hat. Eine ehrliche Herangehensweise an die digitale Bearbeitung ist aber meines Erachtens Ehrensache. Das Verschweigen der digitalen Manipulation bei Bildcollagen und Montagen brachte Photoshop und seine Bediener in argen Verruf. Sie stellte eine ganze Generation an Fotografen unter den Generalverdacht der Bildmanipulation.

Ich persönlich benutze PhotoShop, aber zeige stets das, was die Kamera auch vor Ort gesehen hat. Bildmontagen und Collagen bzw. Timeblendings sind für mich keine Option. Was nicht heißen soll,  dass diese Sparten keine Berechtigung haben – man sollte nur sich selbst einen Gefallen tun und bei der Wahrheit bleiben. Bildmanipulationen im Bereich der Reportage- und Nachrichtenfotografie erachte ich allerdings als ein absolutes No-Go! Denn hierbei sollte es um die ungeschönte Wahrheit gehen.

Buch-Tipp

Beeindruckende Aufnahmen der Alpen bei Nacht vereint der Bildband „Sternbilder“, erschienen bei Frederking & Thaler.

Wenn es Nacht wird in den Alpen, gehört den Sternen die Bühne. Was sonst kaum jemand zu sehen bekommt, zeigt dieser Bildband auf 192 Seiten und rund 180 Fotografien.
Menschenleere, majestätische Alpen, das Band der Milchstraße, prachtvolle Sternbilder. Begleitende Texte vermitteln Wissenswertem zu Natur und Astronomie.
ISBN: 9783954162352

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