
Wie man trotz des Lehrerberufs das Lachen nicht verlernt, verrät Hildegard Monheim in ihrem Buch. (Foto: Moritz Thau/Schwarzkopf & Schwarzkopf)
Manchmal schauen Sie so aggro: Geschichten aus dem Schulalltag – eine Lehrerin erzählt heißt ein Buch, das einen überraschenden Einblick in die Klassenzimmer von Heute gewährt. Die Paukerin, die aus dem Nähkästchen plaudert ist Hildegard Monheim.
Die Pädagogin blickt zurück auf 38 Jahre Normalzustand “Störung”, von Unterricht am Rande des Nervenzusammenbruchs und vom Kunststück, all das mit Humor zu nehmen und sich den eigenen Enthusiasmus zu bewahren. Die “Insiderin” gibt kritische Denkanstöße zum Thema Schule. Monheim zeigt schonungslos offen und ohne politisch korrekte Selbstzensur, wie Unterricht wirklich ist.
Tatort Klassenzimmer? 33 komische, brisante und schonungslos ehrliche Geschichten aus dem Alltag einer unbeugsamen Hauptschul-Lehrerin werden hautnah nacherlebbar. Das Buch ist kein Dampfablassventil für Lehrerfrust, sondern steckt dabei voller Sympathie für die Schüler.
Wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Erfahrungen als Lehrerin in einem Buch zu verarbeiten? Haben Sie es aus der Erinnerung aufgeschrieben oder führen Sie Tagebuch?
Gerade in den letzten zehn Jahren dachte ich so oft: Wer das nicht erlebt, kann es sich nicht vorstellen. Gleichzeitig fand ich: Es wäre aber gar nicht schlecht, wenn sich viele Menschen DAS vorstellen könnten. Tatsächlich begann ich, Tagebuch zu führen, machte mir ständig Notizen, kramte meine alten Aufzeichnungen hervor und tauschte mich noch mehr über Schule aus als bisher.
Wie ist der Titel des Buches MANCHMAL SCHAUEN SIE SO AGGRO entstanden?
Der Titel ist bewusst doppeldeutig gehalten. Zum einen lassen mich Schüler manchmal wissen, ich schaue gerade so »aggro«, sprich: Mein Gesicht trage stark verärgerte Züge. Was übrigens stimmt, ich habe das höchstpersönlich überprüft. Es hängen ja in fast allen Klassenzimmern Spiegel. Andererseits schauen auch meine Schüler manchmal ganz schön aggro – wenn man sie mit Arbeit behelligt oder so.
Was war für Sie persönlich ausschlaggebend dafür, dass Sie Lehrerin geworden sind?
Ich war beseelt von dem Gedanken, es anders machen zu wollen als die meisten meiner eigenen Lehrer. Mir war alles Autoritäre zuwider. Ich wollte auf keinen Fall Macht ausüben, sondern auf partnerschafliche Weise die Lust am Lernen wecken. Vor allen Dingen wollte ich auch die »Schwächeren« fördern. Dieser Gedanke be-rauschte mich so, dass ich mich mit Feuereifer in das Studium stürzte und wenig später verzweifelt am Boden lag. Der Praxisschock hat mich damals heftigst getroffen.
Was unterscheidet Ihr Buch von anderen zum Thema?
Die meisten der Lehrer-Autoren, die mir bekannt sind, sind erheblich jünger als ich, stammen also aus einer anderen Generation. Ich bin mit meinen 57 Jahren ja nun das, was man eine ältere Lehrerin nennt. Aber ich bin weit entfernt von Verbitterung und Larmoyanz. Was nicht heißt, dass ich die Dinge schönreden will. Im Gegenteil, ich kann mich entsetzlich aufregen. Aber – und das ist vielleicht das Besondere an meiner Art, Lehrerin zu sein, und damit an meinem Buch – ich bemühe mich, das Geschehen in der Schule und auch mein eigenes Agieren mit einer gewissen Distanz und mit viel Selbstironie zu betrachten. So habe ich auch mal etwas zu lachen. Und wenn es nur ich selbst bin, die die Comedy liefert.
Was denken Sie? Woher kommt das Vorurteil gegenüber dem Beruf des Lehrers, sie würden nur halbtags arbeiten und haben viel zu oft Ferien?
Weil das eben die Außenwahrnehmung ist. Keiner sieht, wie viele Abende, wie viele Wochenenden, wie viele Ferienstunden Lehrer in ihre Arbeit stecken. Das findet zu Hause hinter verschlossenen Türen statt. Keiner kann beurteilen, WIE erschöpft man nach ein paar Stunden Unterricht ist, wie dringend man die Ferien braucht, um überhaupt wieder Kraft sammeln zu können.
Durch meine lange Pause habe ich es am eigenen Leib erlebt. Ich hatte selbst schon begonnen, spöttisch über Lehrer und ihre Arbeit zu denken. Als ich dann endlich selbst wieder in Klassenzimmern stand, bekam ich die Quittung. Ich konnte nicht fassen, wie müde ich zu Hause war. Es ist ja oft ein Gefühl, als habe man den Stecker rausgezogen.
Warum haben Sie sich für den Zweig der Hauptschule entschieden?
Die Entscheidung habe ich ganz bewusst und gegen ziemlich viele gute Ratschläge getroffen. Ich fand mit 19 und finde heute noch immer, dass Schüler dieser Schulart, wie auch immer sie inzwischen heißt bzw. irgendwann heißen wird, dass also gerade diese Schüler am allerallermeisten gute, engagierte Lehrer brauchen und verdient haben.
Wer von zu Hause aus gut gefördert wird, wer in einer Umgebung groß wird, in der Bildung eine zentrale Rolle spielt, erhält viele und vielseitige Bildungsanregungen und hat in der Regel Eltern, die unterstützen und Halt geben. Wer dies nicht hat und obendrein noch ein dickes Päckchen an Problemen mit sich herumträgt, für die er – nebenbei bemerkt – nicht verantwortlich ist, braucht Lehrer, die ihn stüt-zen.
Was ist das größte Problem, mit dem Sie an der Hauptschule zu kämpfen haben?
Ein Ranking der Probleme möchte ich lieber nicht liefern. Aber ich kann sagen, was mich zurzeit ziemlich umtreibt. Zum einen ist da der Umstand, dass die Schüler, mit dem zwar unsichtbaren, aber stets spürbaren Stempel »Du hast es nicht geschafft!« durchs Schülerleben schleichen. Der Traum von Gymnasium und Realschule hat sich im zarten Alter von zehn Jahren zerschlagen.
Diesem ersten schulischen Dämpfer folgen in der Regel unzählige weitere. Und aus alldem ergibt sich ein Ausmaß an Demotiviertheit, das mich manchmal rasend macht. Ich verstehe die Jugendlichen sehr gut, aber ich will sie wach rütteln. Ich will, dass sie kämpfen, dass sie an sich und die in ihnen schlummernden Fähigkei-ten glauben. Stattdessen erlebe ich oft Trägheit, gegen die man schwer ankommt.
Zum andern hat die geradezu explosive Entwicklung auf dem Gebiet der Unterhaltungselektronik hier eine unheilvolle Allianz ermöglicht: Wer keine Lust hat, sich anzustrengen, muss keine Langeweile aushalten.
Können Sie als Lehrerin und Schule bildungsferne Sozialisation auffangen?
Ich versuche es, so wie unzählige andere engagierte Lehrkräfte auch. Aber manchmal fühle ich mich schon sehr rat- und hilflos. Dennoch und glücklicherweise gibt es immer mal einen Grund zu Hoffnung und Freude – wenn man bescheiden ist.
Plötzlich macht es klick bei einem Schüler, plötzlich kann man beobachten, wie der Schalter umkippt. Und manchmal hat man sogar das Gefühl, selbst ein wenig zu dieser positiven Entwicklung beigetragen zu haben. Auch wenn es nie überprüfbar sein wird – es ist schön, es tut gut, es macht Mut nicht aufzugeben.
Wie ist Ihre Einstellung zu »Schule heute«?
Da muss ich gleich mal den Neurobiologen Prof. Dr. Gerald Hüther bemühen, der sagt, dass im Hirn immer erst dann etwas passiert, wenn derjenige, der lernt, das für sich selbst als wichtig beurteilt. Hüther zieht daraus den Schluss, und ich stimme ihm zu, dass es von wenig Erfolg gekrönt ist, wenn man an die Schüler sozusagen »hin-unterrichtet«, ihnen sagt, wie es geht.
Solange die emotionalen Zentren nicht angehen, wird der Schüler nicht »berührt«, und schon gar nicht nachhaltig. Ich höre jetzt schon die Gegenargumente: Nur mit Spaß geht es nicht. Jeder muss mal in den sauren Apfel beißen und lernen, lernen, lernen.
Das stimmt z. B. auf Vokabeln und Formeln bezogen. Aber vieles, was wir unter-richten, rauscht an den Schülern vorbei. Selbst wenn sie es brav lernen und bei Tests ebenso brav wieder ausspucken, hat das mit nachhaltigem Lernzuwachs nichts zu tun.
Sie nennen im Buch Dinge, die ein Lehrer nie tun sollte. Was halten Sie für die drei wichtigsten?
Das ist dreimal was mit NEHMEN. Ein Lehrer sollte nie:
1. Sich selbst zu wichtig nehmen
2. Schülern die Würde nehmen
3. Schülern etwas persönlich übelnehmen
Wie wichtig ist es, dass Eltern im Gespräch mit Lehrern bleiben?
In meinen Augen sehr wichtig. Wenn es gut geht, haben beide ein gemeinsames Interesse: Sie wollen das Beste für »den Schüler«, um den es geht. Dann sollten sie sich auch darüber verständigen, wie dieses Beste erreicht werden kann. Völlig kontraproduktiv ist es ja, wenn Eltern und Lehrer sich als Gegner betrachten und nur noch auf einander schimpfen. Oft sind ja erst Missverständnisse da und dann Missstimmung. Natürlich gibt es – gerade an unserer Schulart – auch Eltern, die ihrer Erziehungsaufgabe nicht gerecht werden, warum auch immer. Ich möchte mir nicht anmaßen, hier zu urteilen. Manche wissen immer gleich, woran das liegt: dass »die« zu faul sind, dass »denen« das Wohl ihrer Kinder egal ist … In meinen Augen sind Eltern oft einfach hilflos. Natürlich gibt es auch solche, die offensichtlich nicht das Wohl ihrer Kinder im Auge haben. Aber Machtkämpfe sind nicht konstruktiv!
Welche Rolle spielt der Humor in Ihrem Unterrichtsalltag?
Die Rolle des Retters in der Not. Wenn ich nicht immer wieder über mich und alles, was ich erlebe, lachen könnte, auch, wenn ich nicht immer wieder mit meinen Schülern lachen könnte, würde ich mich als armen Hund bezeichnen. Ich glaube, da würde mir die Kraft ausgehen. Dank des Lachens oder Lächelns lädt mein Akku immer wieder auf.
Was hassen Sie an Ihrem Beruf? Was lieben Sie daran?
Wenn ich ganz ehrlich bin, korrigiere ich nicht gerne. Und die Dauerunruhe geht mir auch gewaltig auf die Nerven. An die Nerven wiederum geht mir die Tatsache, dass ich Schüler gerne stärken möchte und so oft demotivieren muss, indem ich ihnen eine schlechte Note nach der anderen gebe. Was ich liebe? Wenn ich spüre, wie Begeisterung überschwappt, wenn ich mit Schülern in ein gutes, intensives Gespräch komme, wenn ich Zeuge werde, wie ein junger Mensch sich plötzlich strafft und Gas gibt. Auch wenn ich miterlebe, wenn Schüler nicht nur nett zu mir, son-dern auch nett zueinander sind.
Würden Sie jungen Leuten heute empfehlen, den Beruf des Lehrers zu ergreifen?
Solche Empfehlungen spreche ich grundsätzlich nicht aus. Einen Satz wie »Das ist doch ein schöner Beruf !« bekommt von mir keiner zu hören – egal auf welchen Beruf bezogen. Die berühmten Rat-Schläge versuche ich tunlichst zu vermeiden. Jeder Einzelne muss für sich entscheiden, was ihn antreibt, was ihm wichtig ist, wie viel Frust zu ertragen er bereit ist.
Mehr zum Buch:
Nur drei Jahre nach dem Abitur wurde Hildegard Monheim, die sich als Schülerin selbst über Lehrer und Schule geärgert hatte, auf eine Klasse losgelassen. Der Praxisschock blieb nicht aus.
38 Jahre später und um viele Erfahrungen reicher reflektiert die nun gestandene Pädagogin, was es bedeutet, Lehrerin zu sein.
Oft strampelt sie sich ganz schön ab, gelegentlich fühlt sie sich wie in einer Comedy. Trotz weiß sie: Der Lehrerberuf ist und bleibt genau das, was sie machen will.
Was ihr zwischen Leiden und Lachen so alles widerfährt, bringt sie in MANCHMAL SCHAUEN SIE SO AGGRO humorvoll auf den Punkt – und spart dabei nicht mit kritischer Reflexion und Selbstironie.
In den 33 Schul-Geschichten werden sich viele Lehrer wiederfinden. Schüler werden ihre Pauker danach mit ganz anderen Augen sehen. Eltern erhalten einen einzigartigen Einblick in den Alltag im Klassenzimmer, den sie sonst nur aus einseitiger Berichterstattung kennen.
Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf
